Von endloser Weite, Emotionen und Adrenalinrausch – ein Erfahrungsbericht

Mir ist heiß. Ich bin verschwitzt aufgewacht. Das letzte Bild eines verstrahlten Traumes im Kopf, fällt mir erst nicht ein, wo ich gerade bin. Funkelnde Sterne über mir, ein paar Meter weiter ein Rascheln und ein leichter Windhauch, der mir durchs Gesicht weht. Es knirscht zwischen meinen Zähnen.
Jetzt weiß ichs wieder: ich bin in der Wüste und liege in meinem offenen Zelt. Genau. Und das was da knirscht, ist Sand zwischen meinen Zähnen.
Um mich herum die Zelte meiner ExpeditionskollegInnen, mit jenen ich auf dieser außergewöhnlichen Reise bin. Seit ein paar Tagen sind wir von der Außenwelt quasi abgeschnitten. Wir befinden uns im Empty Quarter der Rub al Khali Wüste im Süden des Omans.
Die 780.000 Quadratmeter der weltweit größten Sandwüste liegen größtenteils in Saudi-Arabien, wobei sich ihre Ausläufer in Teile des Jemens, des Oman und der Vereinigten Arabischen Emirate einnehmen.
Mit robusten 4×4 Jeeps erkunden wir einen kleinen Teil dieser gigantischen Wüste. Tagsüber heizen wir durch Dünen, rauschen durch endlos flache Täler und campen nachts an schönen Spots. Nicht auf eigene Faust – beinahe jeder von uns ist ein Wüsten-Neuling – daher haben wir erfahrene Guides an der Hand, die uns dieses beeindruckende Stück Welt zeigen.

Ich nutze die Gunst dieses Momentes und rolle mich aus dem Zelt. Ich versuche mich leise aus dem Camp zu schleichen, aber gefühlt zerreisst jeder Schritt im Sand die unglaubliche Stille hier. Ich bewege mich auf die Düne zu, deren Silhouette ich vor dem Sternenhimmel erkennen kann. Auf dem Weg dort hinauf, höre ich leises, melodisches Singen. Abdullah ist auch schon auf und betet sein Morgengebet.
Kurz vor dem Gipfel der Düne holen mich Luca und Yashjub ein, die hatten wohl die selbe Idee. Wir legen uns an die Kante der riesigen Düne und schauen der Dämmerung zu. Ohne ein Wort, keiner spricht. Braucht es gerade auch nicht. Der Anblick ist irre, surreal. Je heller es wird, wechseln die Farben der Dünen. Es scheint als würde sich im Minutentakt ein anderer Farbfilter über die hügelige Dünenlandschaft legen. Von pastelligem orange bis leuchtendem Gold und leicht feurigem Rot. Ein atemberaubendes Schauspiel. Ich kann es nicht fassen, was ich da sehe.


Es ist einer dieser magischen Momente, der die anmutige und mächtige Energie der Wüste demonstriert. Eine Energie, die bei jedem von uns etwas gemacht hat, bei jedem anders und dennoch intensiv. Genau beschreiben können wir das alle (noch) nicht. Wir dachten zu wissen, was auf uns zukommt. Rückblickend gestehen wir uns ein, wir haben es nicht.
Aber von vorne. Wenn Sie diese Zeilen schon gecatcht haben, lesen Sie weiter.
01
Aufbruch ins Unbekannte
Unser Konvoi aus mehreren Fahrzeugen startet in Salalah. Drei Begleitfahrzeuge, die die komplette Infrastruktur für unser Wüstencamp dabei haben. Und drei Fahrzeuge für uns Gäste, die wir im Wechsel selber fahren. Diese Tatsache fordert unseren Respekt, manche von uns sind noch nie mit so einem Ding gefahren und schon gar nicht in Sanddünen.
So übernehmen anfangs jene das Steuer, die sich zumindest auf der Straße wohlfühlen. Nach einem letzten „Supply-Stop“ und einer Kaffepause verlassen wir peu á peu die Zivilisation.



Zunächst geht es entlang rauer Küstenstrassen. An traumhaften Stränden hängen wir noch einmal die Füsse ins Nass, das werden wir erst mal nicht mehr haben.
Dann verändert sich die Landschaft, je weiter wir ins Landesinnere fahren. Asphaltierte Straßen werden zu Schotterstraßen.
Unsere Handys zeigen nun keinen Empfang mehr an. Die letzte Nachricht, die mich erreicht, kommt von meiner Mutter. Sie wünscht mir Spass und ich solle aber bitte auf die Sandvipern aufpassen. Die würden sich direkt unter dem Sand verstecken und ich könne sie an den beiden Hörnern auf ihrem Kopf entdecken, die aus dem Sand ragen.
Ab jetzt sind wir offline. Unplugged
Keine Nachrichten. Keine Anrufe. Keine E-Mails. Ein komisches Gefühl, so unerreichbar zu sein. Ohne dieses Nebenrauschen konzentrieren wir uns auf die Fahrt, das Terrain und uns. Uns selbst und uns als Gruppe, die sich nun in ein unschlagbares Team verwandeln wird.

02
Ein Bett im Flussbett
Abdullah gibt uns per Funk die Anweisung von „2 Wheel Drive“ auf „4 Wheel Drive“ zu schalten. Die ausgelassene Stimmung, das viele Lachen und die Gespräche in den Fahrzeugen werden immer leiser. Die Landschaft zieht uns in unseren ersten Bann. Wir fahren mitten durch einsame, weite Täler, die von rauen, hohen Felsformationen gesäumt sind. Hier und da durchzogen von tiefen Canyons. Unsere erste Nacht verbringen wir in einem Wadi (aus dem arabischen übersetzt ein „Tal“ oder „Schlucht“), einem ausgetrocknetem Flussbett, das sich bei Regenfällen in Flüsse verwandelt.

Dementsprechend findet sich dort etwas Vegetation, die sich von unterirdischem Wasser nährt. Direkt an einem ausgetrocknetem Wasserlauf vor einer schroffen Felswand wird unser erster Campspot sein.
Wir sind etwas unbeholfen mit der Situation. Jeder schlendert irgendwo rum, gräbt im Sand oder schaut einfach nur. Erst mal klarkommen.
Gut, dass das versierte Team das Setup des Camps übernimmt. Im Nu stehen die Zelte, die Küche und ein paar Tische und Stühle markieren unseren „Dining Room“.






Abood ist der Herr der Küche und zaubert uns ein frisch zubereitetes, typisch osmanisches Gericht. Sogar mit Dessert, nichts wird ausgelassen. Mit Gin Tonic in der Hand verbringen wir noch eine Zeit lang am Lagerfeuer, ehe es uns in unsere Zelte verschlägt.



03
New day, new scene
Der nächste Tag beginnt mit Omani-Coffee und Karak-Tee. Letzteren darf man schon fast als Nationalgetränk des Omans betiteln. Der starke, milchige Schwarztee wird mit Kardamom, Zimt und Nelken verfeinert. Süße Kondensmilch gibt den letzten Kick. Genau das, was wir brauchen, denn einige von uns haben noch nicht so gut geschlafen. Noch etwas ungewohnt, die Camping Situation.
Nachdem sich niemand mehr am Buffet bedient, geht auf einmal alles ganz schnell. Baby Shark und Yashjub bauen die Zelte zusammen, Abood packt die Küche zusammen und Abdullah geht mit Julien nochmal die heutige Route durch. Wir hingegen versuchen unsere Sachen in den Autos zu finden und uns zu organisieren.



Heute trauen sich jene ans Steuer, die am ersten Tag noch nicht fahren wollten. Möglicherweise haben Abdullahs besänftigende Worte vom Vorabend ein paar Hemmungen abgebaut. „Don´t be scared of flat tires or getting stucked. We are well prepared. Baby Shark and Yashjub are waiting for problems like this. Trust me.“
Welch Statement. In einer Welt, in der Fehler machen nicht gern gesehen ist. Und wir es gewohnt sind, sie möglichst zu vermeiden. Abdullahs Worte lösen ein paar Knoten und das wird sich auf den ganzen Tag auswirken.
Etwa 100 Kilometer weiter finden wir uns auf einer weißen, staubigen Ebene wieder. Vor uns bauen sich majestätische, goldgelbe Dünen auf.


Zwischen Meditation und Adrenalin-Rausch
Mein Auge verliert sich in den vielen, geschwungenen Formen der einzelnen Dünen, eine schöne wie die andere. Darüber pastellig blauer Himmel, hier und da hellgrüne Büsche verpassen dem Bild Kontrast.
Zu diesem Zustand gesellt sich Adrenalin. Ab und an verlassen wir die Ebene und überqueren Dünenpässe. Abdullah gibt an kniffligen Stellen genaue Anweisungen per Funk. Bleibt jemand stecken, kommt er zurück und guided direkt. Die Euphorie schwappt über, wenn mal eine Düne gleich auf Anhieb klappt.




Zugleich keimt der Teamgeist auf. Wir feuern uns an, lernen uns noch näher kennen und schätzen. Stärken und Schwächen gleichen wir gegenseitig aus.

04
Wenn Emotionen kicken
Unser heutiger Campspot liegt auf einem flachen Ausläufer einer 200-Meter Düne. Als wir dort ankommen und den Ort erkunden, weichen Adrenalin und Thrill. Und machen Platz für eine Bandbreite an Emotionen. Jetzt zeigt sich die unsichtbare Energie dieser Umgebung, die an keinem von uns vorüber geht und bei jedem anders wirkt.
So sitzt Anne kauernd im Sand, die Tränen kullern. Es gehe ihr gut meint sie. Sie sei einfach überwältigt und zutiefst dankbar, diesen Anblick sehen zu dürfen und hier zu sein.

Andere sitzen entweder auch abseits auf ihrer eigenen Düne oder brechen in purem Jubel aus. Oder denken darüber nach, das Leben um zu krempeln, sobald sie nach Hause kommen.
Auch ich kann mich dem emotionalen Cocktail nicht entziehen und ziehe mich etwas oberhalb des Camps zurück. Ich bin derartig beeindruckt von der Weite, von diesen Farben und der Abgeschiedenheit. In diesem Moment bin ich zutiefst dankbar, an diesem außergewöhnlichen Ort sein zu dürfen, gesund und ganz weit weg von allem. Er nimmt mir den Wind aus den Segeln, Zweifel und Ängste sind außer Kraft. Es klingt vielleicht „cheesy“, aber meine Gedanken entgleiten mir wie der feine Wüstensand zwischen meinen Fingern.
Ich lasse den Blick über die Camp-Szenerie schweifen. Er bleibt bei Sabine hängen. Sie winkt zu mir herüber und macht lachend den YMCA-Move mit ihren Armen. Ich muss lachen und heulen zugleich. Auch Baya´s Spezial-Cocktail, welchen sie mir gleich mixen wird, entkomme ich ebenfalls nicht.
Die Wüste ist das eine, dieses Erlebnis mit tollen Menschen erleben zu dürfen, das andere.


05
Zurück in die Zivilisation

Man kann sagen, dass wir langsam im „Desert-Mode“ angekommen sind. Umso gedrückter die Stimmung, als der Tag der Rückkehr da ist. Es wird stiller in den Autos, als wir wieder aus der Wüste herausfahren. Selbst die Vielredner unter uns schweigen. Jeder reflektiert, denkt nach, lässt sacken.
Nach und nach kommen wir zurück in die Zivilisation. Off-Road wird zu On-Road. Die ersten Häuser, Gegenverkehr, Stromleitungen. Unser Flugmodus ist noch aktiv.
„Ich habe überhaupt keinen Bock, das jetzt an zu schalten.“, durchbreche ich das Schweigen und bekomme Zustimmung von allen Seiten. Wir beschließen so lange im „Desert Mode“ zu bleiben, bis es nicht mehr geht. Und alsbald zu Hause, dass wir ihn von Zeit zu Zeit immer wieder mal anwenden.

Mein Fazit:
In der Wüste mag es keine Luxushotels mit ihren Annehmlichkeiten geben. Der Luxus liegt hier woanders, nämlich auf dem reduzierten Wesentlichen und im puren Sein, das uns im normalen Alltag abhanden gekommen ist.
Erwartet hatte ich, dass es aufregend und spannend wird. Dass diese Umgebung allerdings eine derart intensive Wirkung auf mein Inneres haben wird, hat mich schier überrollt. Diese unerbittlichen Bedingungen, die Weite und Stille, das Lichtspiel der Sonne und die sternenklaren Nachthimmel schaffen eine mächtige Atmosphäre, die den Alltag verdrängen. Und den Fokus auf sich selbst und das Wesentliche richten.
Die Tour hat uns als Gruppe gezeigt, wie man über sich hinauswachsen und gleichzeitig zusammenwachsen kann. Und wie bereichernd es sein kann, seine Komfortzone zu verlassen.
Das Team der Expedition hat dieses Erlebnis mit seinem Know-How, mit einer guten Portion Humor, enormen Wissen über diese Region und den richtigen Worten zur richtigen Zeit perfekt gemacht. Mit erstaunlich guter Ausstattung der Autos, der Zelte und hervorragender Aquise haben wir wirklich nichts vermisst. Wodurch wir jeden Moment in vollen Zügen genossen haben.
Ein Erlebnis, das wir ausdrücklich empfehlen möchten. Aber eines ist sicher: es wird „deep“!

Über die Tour
Diese beeindruckende Wüstenexpedition wurde durchgeführt im Rahmen von The Oman Expedition – einem Programm, das Sie vom Hochgebirge über die Wahiba Sands bis tief hinein in das Empty Quarter (Rub al Khali) führt.
Die Route umfasst Aufenthalte in exklusiven Camps wie Canvas Club North Camp und Canvas Club South Camp, kombiniert mit stilvollen Nächten in ausgesuchten Hotels wie Alila Jabal Akhdar und Alila Hinu Bay.
Das Besondere: Diese Expedition operiert fernab jeglicher Zivilisation, ohne Mobilfunkempfang, mit intensiven Begegnungen mit Landschaft und Stille – eine Reise, die mehr ist als ein Abenteuer, sondern eine bewusste Reise ins Innere.
Wenn ich Sie schon mit meinem Erlebnis in den Bann ziehen konnte, wird Ihr Erlebnis umso intensiver – es selbst zu erleben geht tiefer als darüber zu lesen.